Wenn Teams ausweichen: Wie wir als Coaches Räume halten, in denen auch Unklares Platz hat

Es gibt Workshops, in denen Themen offen auf dem Tisch liegen, die Gesprächsdynamik klar ist und der nächste Schritt sich fast von selbst ergibt. Und es gibt jene anderen Situationen, in denen alles etwas unschärfer wirkt: Aussagen bleiben allgemein, Beiträge drehen sich im Kreis und zwischen den Zeilen wird spürbar, dass etwas unausgesprochen im Raum steht. Teams weichen in solchen Momenten nicht aus Bequemlichkeit aus, sondern meist aus Gewohnheit oder Selbstschutz. Genau hier zeigt sich, wie viel unsere Haltung als Coaches ausmacht und wie begrenzt die Wirkung von Methoden allein ist.

Das feine Gespür für das, was fehlt

Ausweichen ist nicht immer sofort sichtbar. Manchmal zeigt es sich in übergeordneten Formulierungen, manchmal in humorvollen Abschweifungen, manchmal in sachlichen Argumenten, die vor allem eines leisten: Tiefe vermeiden. Für uns als Coaches geht es dabei weniger darum, dieses Verhalten zu interpretieren, als es wahrzunehmen. Dieses Wahrnehmen entsteht nicht durch Technik, sondern durch Präsenz, durch genaues Zuhören, das Beobachten von Pausen und ein Gespür für die Stimmung im Raum.

Was in solchen Situationen häufig fehlt, ist ein Ort, an dem Unklares ausgesprochen werden darf, ohne sofort bewertet zu werden. Im organisationalen Alltag zählt Geschwindigkeit, Entscheidungen sollen eindeutig sein, Ambivalenz gilt schnell als ineffizient. In Workshops setzt sich das fort, indem Teams versuchen, vorschnell zu Lösungen zu kommen, ohne die bestehende Unsicherheit zuvor anzuerkennen.

Räume halten heißt, Ambivalenz nicht vorschnell zu schließen

Grafik mit dem Text „Räume halten heißt, Unklarheit auszuhalten.“ und einem Waage-Icon mit Fragezeichen. Darunter ein Foto einer Workshop-Situation mit einer stehenden Person vor einer sitzenden Gruppe.

Eine zentrale Fähigkeit im Coaching besteht darin, nicht sofort Klarheit herzustellen. Räume zu halten bedeutet auszuhalten, dass etwas noch keinen Namen hat. Es heißt, dem Vorläufigen, dem Unscharfen und auch dem emotional Unsortierten Platz zu geben, ohne daraus unmittelbar ein Problem zu machen.

Das verlangt eine ruhige, bewusste Haltung und die Bereitschaft, das eigene Bedürfnis nach Struktur für einen Moment zurückzustellen. Viele Coaches kennen den Impuls, eine Methode einzusetzen, sobald Gespräche unklar werden. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass ein zu früher Eingriff Entwicklung eher hemmt. Oft braucht es zuerst ein gemeinsames Anerkennen der Unsicherheit, bevor ein Team überhaupt in der Lage ist, sich präziser zu äußern.

Nicht drängen, sondern begleiten

Teams spüren sehr genau, ob sie durch einen Prozess begleitet oder durch ihn hindurchgeschoben werden. Wenn Menschen das Gefühl bekommen, etwas benennen zu müssen, bevor sie innerlich dazu bereit sind, entsteht Widerstand, manchmal offen, häufig subtil. Räume halten heißt deshalb auch, den richtigen Zeitpunkt zu achten.

Es geht darum, Tempo herauszunehmen, nicht um den Prozess künstlich zu verlangsamen, sondern um dem Team zu ermöglichen, selbst Anschluss zu finden. Das wirkt unspektakulär, verändert aber oft die gesamte Gesprächsatmosphäre. Ein Team, das nicht gedrängt wird, beginnt eher, über das zu sprechen, was im Hintergrund wirkt und gewinnt dabei eine Präzision, die unter Druck kaum entstehen kann.

Das Unklare benennen, ohne es sofort zu lösen

Ein hilfreicher Zwischenschritt kann darin bestehen, das Unklare sichtbar zu machen, ohne es direkt zu strukturieren. Manchmal reicht es, auszusprechen, dass gerade “etwas” im Raum steht, das sich noch nicht klar zeigt. Solche Beobachtungen wirken nicht interpretierend, sondern einladend. Sie signalisieren, dass Unvollständigkeit erlaubt ist.

Oft ist genau das der Moment, in dem Gesprächsanliegen konkreter werden und Menschen beginnen, Worte für etwas zu finden, das sie zuvor nur gespürt haben. Von dort aus lässt sich weiterarbeiten, ruhiger, klarer und mit mehr Eigenverantwortung im Team.

Was diese Haltung langfristig verändert

Wenn Teams erleben, dass auch Unscharfes Platz haben darf, verändert sich ihre Gesprächskultur nachhaltig. Bewertungen werden vorsichtiger, Zuhören wird aufmerksamer und der Raum zwischen Frage und Antwort wird bewusster genutzt. Für Coaches bedeutet das, dass spätere Interventionen eher angenommen werden, weil sie nicht als Steuerung erlebt werden, sondern als Unterstützung.

Die eigentliche Wirkung entsteht dabei nicht durch ein besonderes Tool, sondern durch die Haltung, die dem Prozess zugrunde liegt. Sie schafft Vertrauensräume, in denen Entwicklung möglich wird, nicht weil alles sofort klar ist, sondern weil das Unklare nicht mehr beiseitegeschoben werden muss.

Teams weichen aus vielen Gründen aus. Unsere Aufgabe ist es nicht, dieses Ausweichen zu durchbrechen, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen es nicht mehr notwendig ist. Genau dort beginnt oft die Arbeit, die wirklich etwas verändert.

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