Wenn ein Workshop eine andere Richtung nimmt
Das Team war pünktlich, die Stimmung konzentriert und das Ziel des Workshops einigermaßen klar umrissen: mehr Transparenz über die Zusammenarbeit gewinnen und besser verstehen, wo im Alltag Reibungen entstehen. Ich hatte ein strukturiertes Vorgehen vorbereitet, das Teams erfahrungsgemäß Orientierung gibt, mit einem überschaubaren Modellinput, kurzen Reflexionsphasen und Austausch in Kleingruppen (Einordnung zentraler Arbeitsweisen anhand des GRPI-Modells Goals, Roles, Processes, Interpersonal relationships, individuelle Reflexion zur eigenen Rolle und Zusammenarbeit sowie anschließender Abgleich im Team). Die ersten Schritte liefen sauber durch. Die Teilnehmenden arbeiteten engagiert, brachten Beispiele ein und wirkten erleichtert darüber, einmal ohne Zeitdruck miteinander sprechen zu können.
Im Verlauf der ersten gemeinsamen Auswertung fiel mir jedoch etwas auf, das nicht ganz zu dieser Dynamik passte. Einzelne Beiträge blieben auffallend vorsichtig, manche Aussagen so allgemein, dass sie eher nach konsensfähigen Formulierungen klangen als nach konkreten Arbeitssituationen. Gleichzeitig lag eine leichte Spannung im Raum, als gäbe es ein Thema, das präsent war, aber noch keinen Platz hatte. Ich nahm das wahr und blieb zunächst im geplanten Ablauf, auch weil Teams manchmal einfach ein paar Minuten brauchen, um anzukommen.
Der Moment, in dem die Methode nicht mehr passte
Als wir in einen vertiefenden Austausch einsteigen wollten, wurde deutlicher, dass etwas nicht stimmte. Gespräche versandeten, Diskussionen drehten sich im Kreis und es wurde viel über abstrakte Prinzipien gesprochen, aber kaum über eigenes Erleben. Eine Teamleitung formulierte es schließlich indirekt mit dem Satz: „Wir haben viele Themen, aber ich glaube nicht, dass wir sie heute lösen können.“ Das klang nicht resigniert, sondern eher wie ein Hinweis darauf, dass wir gerade an der Oberfläche blieben.
In mir entstand der Impuls, zur nächsten vorbereiteten Übung überzugehen, um wieder Struktur hineinzubringen. Gleichzeitig war klar, dass genau das uns nicht weiterbringen würde. Der Raum brauchte keine weitere Methode, sondern eine bewusste Unterbrechung der bisherigen Dynamik. Also ließ ich den geplanten Schritt liegen und änderte den Verlauf. Von außen wirkte dieser Übergang vermutlich unspektakulär, für mich war er eine klare Entscheidung gegen meine Vorbereitung und für das, was sich gerade zeigte.
Ein einfaches Vorgehen und ein greifbares Thema
Ich bat das Team, kurz innezuhalten und für sich zu notieren, was ihnen im Arbeitsalltag aktuell am meisten Energie kostet. Ohne Kategorien, ohne Leitfragen, ohne Einordnung. Nur eine ehrliche Bestandsaufnahme. Das Vorgehen war bewusst schlicht, um möglichst wenig Widerstand zu erzeugen und gleichzeitig eine andere Gesprächsebene zu öffnen.
Schnell wurde sichtbar, dass es nicht an fehlender Kooperationsbereitschaft lag, sondern an einer über längere Zeit gewachsenen Unsicherheit. Mehrere Personen beschrieben, dass Entscheidungen häufig unklar kommuniziert würden und diese Unklarheit zu zusätzlichen Abstimmungsrunden und Missverständnissen führe. Ein Thema, das in den vorherigen Übungen nicht aufgetaucht war, weil es sich schwer in ein Modell oder eine methodische Kategorie einordnen ließ.
Mit dieser Offenheit veränderte sich dann auch die Gesprächsqualität. Das Team begann, konkrete Situationen zu benennen, nicht um Schuldige zu suchen, sondern um Muster zu verstehen. Die Teamleitung hörte aufmerksam zu, stellte Rückfragen und allmählich wurde klar, wo die eigentlichen Hebel lagen. Der Workshop nahm eine andere Richtung, nicht durch eine ausgefeilte Intervention, sondern durch ein angepasstes Vorgehen im passenden Moment.
Was der Kurswechsel möglich gemacht hat
Am Ende des Tages hatten wir weniger Inhalte bearbeitet als ursprünglich geplant, dafür aber genau die Themen, die das Team tatsächlich beschäftigten. Die ursprüngliche Agenda war nicht falsch, sie war lediglich zu früh zu strukturiert für die Art von Klärung, die nötig gewesen war. Der spontane Wechsel im Vorgehen hatte ermöglicht, dass sich die eigentliche Spannung zeigen konnte, ohne große Inszenierung, sondern durch ein ruhiges, präzises Nachjustieren.
In der gemeinsamen Reflexion wurde deutlich, dass dieser kleine methodische Bruch entscheidend gewesen war. Erst durch das vereinfachte Vorgehen wurde sichtbar, worüber das Team seit Monaten hinweggegangen war. Es brauchte kein komplexes Tool und kein zusätzliches Modell, sondern die Bereitschaft, den Prozess an die reale Situation anzupassen.
Die leise Erkenntnis aus diesem Fall
Was ich aus diesem Workshop mitgenommen habe, ist weniger eine neue Methode als eine Erinnerung an etwas Grundlegendes. Vorbereitung ist wichtig, sie darf nur nicht starr machen. Oft zeigt sich erst im Prozess, welche Intervention tatsächlich Sinn ergibt. In diesen Momenten entscheidet nicht das Werkzeug, sondern die Fähigkeit, präsent zu bleiben und dem Raum zu folgen.
Genau in dieser Verbindung aus Struktur und Flexibilität entsteht häufig die Entwicklung, die Teams selbst nicht geplant hätten, die ihnen aber nachhaltig weiterhilft.