Ein ungeklärtes Gefühl im Raum: Wie Supervision entlasten kann

Die Ausgangssituation wirkte auf den ersten Blick stabil: Eine Führungskraft begleitete ein Team durch eine Veränderungsphase, die sachlich gut vorbereitet war. Rollen waren geklärt, Abläufe definiert, Prioritäten mehrfach besprochen. Die Meetings verliefen strukturiert, Entscheidungen wurden getroffen und trotzdem lag über jedem Gespräch eine Schwere, die sich nicht greifen ließ.

Die Führungskraft beschrieb später, sie gehe regelmäßig mit dem Gefühl aus diesen Terminen, „etwas übersehen zu haben“, ohne benennen zu können, was genau. Auch das Team wirkte verändert: zurückhaltender als sonst, vorsichtig in Wortmeldungen, Diskussionen wichen häufig auf Nebensächlichkeiten aus. Fachlich gab es keine Hinweise auf ein Problem. Und genau das machte die Situation für die Führungskraft so irritierend.

Wenn das eigene Führungsrepertoire nicht mehr greift

In unseren Gesprächen wurde deutlich, dass die Führungskraft bereits vieles ausprobiert hatte. Sie stellte klärende Fragen, öffnete Meetings persönlicher, passte Formate an. Dennoch blieb dieses diffuse Unbehagen bestehen. Es war nicht deutlich genug, um als Konflikt adressiert zu werden, aber präsent genug, um jede Zusammenarbeit subtil zu belasten.

Solche Situationen erlebe ich häufig bei Führungskräften mit hoher Verantwortung und starkem Anspruch an sich selbst. Sie sind gewohnt, Orientierung zu geben, Prozesse zu halten und Stabilität zu schaffen. Wenn sich dann ein Gefühl einstellt, das sich nicht einordnen lässt, entsteht eine innere Spannung zwischen äußerer Professionalität und einer leisen Irritation im Hintergrund. An diesem Punkt reicht das eigene Handlungsrepertoire oft nicht mehr aus – zumindest nicht, ohne innezuhalten. Genau hier setzt Supervision an.

Wie Supervision den Blick verändert

Grafik mit hellem Hintergrund und dem Text „Manchmal braucht Führung einen Schritt zurück.“ Daneben ein Icon mit zwei Köpfen und Pfeilen; darunter ein Foto einer Gesprächssituation am Tisch mit zwei Personen.

In der ersten Supervisionssitzung ging es nicht um Lösungen oder neue Methoden. Der Fokus lag auf genauer Wahrnehmung: Wann tritt dieses Gefühl auf? In welchen Situationen wird es stärker? Was verändert sich im Team und was verändert sich bei ihr selbst?

Mit dieser Entschleunigung wurde sichtbar, dass die Führungskraft in entscheidenden Momenten sehr stark in eine moderierende Rolle wechselte. Sie wollte den Prozess sauber halten, Spannungen vermeiden und Gespräche steuern. Gleichzeitig stellte sie dabei ihre eigene Wahrnehmung zurück und war emotional kaum noch Teil des Raums. Das Team reagierte darauf mit Vorsicht. Offenheit fühlte sich riskant an, solange unklar war, wie viel davon tatsächlich gewünscht war. Beide Seiten bewegten sich in einem Schwebezustand, der sachlich nicht erklärbar war, aber deutlich spürbar blieb.

Supervision bot hier einen geschützten Rahmen, diese Dynamik nicht nur zu analysieren, sondern zu normalisieren. Das Gefühl wurde nicht als Schwäche verstanden, sondern als Hinweis. Allein diese Neubewertung veränderte dabei die innere Haltung der Führungskraft.

Konkrete Schritte im Führungsalltag

Aus der gemeinsamen Reflexion ergaben sich keine großen Interventionen, sondern kleine, bewusst gewählte Veränderungen im Alltag:

  • Die Führungskraft erlaubte sich, Unsicherheit punktuell zu benennen, statt sie zu überspielen.

  • Sie verzichtete darauf, Gespräche vorschnell zu moderieren, wenn sie spürte, dass etwas im Raum stand, das noch keinen Namen hatte.

  • Sie blieb in kritischen Momenten stärker Teil des Gesprächs, statt sofort in die Prozesssteuerung zu wechseln.

Diese Schritte waren unspektakulär, aber wirksam. Sie veränderten die Gesprächsatmosphäre, ohne sie künstlich zu verlangsamen.

Was sich im Team veränderte

Das Team reagierte mit spürbarer Erleichterung. In einem Meeting sagte jemand: „Ich glaube, wir reden gerade um den Punkt herum.“ Ein Satz, der zuvor nicht gefallen wäre. Gespräche wurden langsamer, aber zugleich klarer. Konflikte lösten sich nicht plötzlich auf, doch sie wurden besprechbar und damit weniger belastend.

Die Führungskraft beschrieb später, dass sie sich in Meetings wieder präsenter fühlte und weniger das Gefühl hatte, ständig regulieren zu müssen. Verantwortung verteilte sich natürlicher, ohne dass sie explizit eingefordert werden musste.

Was Supervision Führungskräften ermöglicht

Dieser Fall zeigt sehr deutlich, was Supervision leisten kann. Sie schafft einen Raum, in dem Führungskräfte ihre Rolle kurz verlassen dürfen, um die eigene Wahrnehmung zu sortieren. Sie entlastet, weil sie nicht auf schnelle Lösungen drängt, sondern Struktur in die Reflexion bringt. Besonders dann, wenn etwas im Raum steht, das sich noch nicht klar benennen lässt, eröffnet Supervision einen Perspektivwechsel, der im Alltag oft fehlt.

Am Ende war es kein großes Führungsinstrument, das die Situation veränderte, sondern die bewusste Hinwendung zu einem Gefühl, das lange ignoriert worden war. Die Führungskraft formulierte es später so: „Ich musste verstehen, dass ich nicht alles moderieren muss. Manchmal reicht es, wieder Teil des Gesprächs und der Situation zu sein.“

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